Category Archives: Dhamma-Vinaya Journal

Dhamma-​​Vinaya Journal: Antwort auf den Le­ser­brief »Männ­li­cher Sinn und weib­li­ches Wesen«

Wenn wir das Kamma-​​​​Gesetz ernst neh­men, müs­sen wir zu­ge­ste­hen, daß die un­ter­schied­li­chen Fak­to­ren un­se­rer Er­schei­nung, un­se­res äuße­ren und in­ne­ren Haus­hal­tes auf­grund von Wir­ken entstanden sind.

So sind be­stimmte Be­wer­tun­gen vor­aus­ge­gan­gen, die in die­ser oder je­ner Ge­stalt, die­ser oder je­ner Er­schei­nung Wohl zu fin­den ver­meint ha­ben, denn nichts ge­schieht ein­fach zu­fäl­lig, son­dern auf­grund von Be­din­gun­gen, wel­che durch Ten­den­zen er­zeugt worden sind.

Als Frau zu er­schie­nen be­deu­tet eben, das „Weib­li­che“ an­ge­strebt zu ha­ben, sich da­mit iden­ti­fi­ziert zu haben.

Al­ler­dings wis­sen wir ja auch, jeg­li­che Iden­ti­fi­ka­tion auch im­mer zwei Sei­ten hat und eben Bin­dun­gen er­zeugt, die un­be­stän­dig und so­mit noch leidhaft sind.

So kann man auch nicht un­be­dingt von „Ver­all­ge­mei­ne­rung“, spre­chen weil es Aus­nah­men gibt. Heißt es nicht auch „Aus­nah­men be­stä­ti­gen die Regel“?

Die Aus­sage von P.D. fußt ja auf den Aus­sa­gen des Er­wach­ten in den Lehr­re­den, wie sie bei­spiels­weise auch in der fol­gen­den zu finden sind:

A VI.52

»Wor­auf wohl, Herr Gotama, ist der Sinn der Ade­li­gen ge­rich­tet, wo­nach trach­ten sie, was ist ihre Stütze, was ihr Ver­lan­gen und ihr Ziel?« -

»Auf Reich­tum, Brah­mane, ist der Sinn der Ade­li­gen ge­rich­tet, nach Weis­heit trach­ten sie, das Heer ist ihre Stütze, nach Län­dern steht ihr Ver­lan­gen, die Herr­schaft ist ihr Ziel.« -

»Wor­auf aber, Herr Gotama, ist der Sinn der Brah­ma­nen ge­rich­tet, wo­nach trach­ten sie, was ist ihre Stütze, was ihr Ver­lan­gen und ihr Ziel?« -

»Auf Reich­tum, Brah­mane, ist der Sinn der Brah­ma­nen ge­rich­tet, nach Weis­heit trach­ten sie, die ve­di­schen Sprü­che sind ihre Stütze, nach Op­fer­ga­ben steht ihr Ver­lan­gen, die Brah­ma­welt ist ihr Ziel.« -

»Wor­auf aber, Herr Gotama, ist der Sinn der Haus­leute ge­rich­tet, wo­nach trach­ten sie, was ist ihre Stütze, was ihr Ver­lan­gen und ihr Ziel?« -

»Auf Reich­tum, Brah­mane, ist der Sinn der Haus­leute ge­rich­tet, nach Weis­heit trach­ten sie, ihre Be­rufs­kennt­nisse sind ihre Stütze, nach Ar­beit steht ihr Ver­lan­gen, voll­brachte Ar­beit ist ihr Ziel.« -

»Wor­auf aber, Herr Gotama, ist der Sinn des Wei­bes ge­rich­tet, wo­nach trach­tet es, was ist seine Stütze, was sein Ver­lan­gen und sein Ziel?« -

»Auf den Mann, Brah­mane, ist der Sinn des Wei­bes ge­rich­tet, nach Schmuck trach­tet es, die Kin­der sind seine Stütze; sein Ver­lan­gen geht da­nach, ohne Ne­ben­weib zu blei­ben, das Herr­schen ist sein Ziel.« -

»Wor­auf aber, Herr Gotama, ist der Sinn der Diebe ge­rich­tet, wo­nach trach­ten sie, was ist ihre Stütze, was ihr Ver­lan­gen und ihr Ziel?«

»Auf das Steh­len, Brah­mane, ist der Sinn der Diebe ge­rich­tet, nach ei­nem Ver­steck trach­ten sie, die Waffe ist ihre Stütze, nach Dun­kel­heit steht ihr Ver­lan­gen und nicht ent­deckt zu wer­den ist ihr Ziel.« -

»Wor­auf aber, Herr Gotama, ist der Sinn der As­ke­ten ge­rich­tet, wo­nach trach­ten sie, was ist ihre Stütze, was ihr Ver­lan­gen und ihr Ziel?« -

»Auf Ge­duld und Milde, Brah­mane, ist der Sinn der As­ke­ten ge­rich­tet, nach Weis­heit trach­ten sie, die Sitt­lich­keit ist ihre Stütze, nach wah­rer Ar­mut steht ihr Ver­lan­gen, das Nib­bāna ist ihr Ziel.«

Be­deu­tet dies, daß diese Ei­gen­schaf­ten stets in glei­chem Maße und glei­cher Aus­prä­gung bei jedem

In­di­vi­duum vor­han­den sein muß?

Ge­wiß nicht, denn kamma, ins­be­son­dere im Men­schen­tum ist sehr gemischt.

Was es je­doch be­deu­tet, ist, daß eine sol­che Er­schei­nung, ein sol­ches Er­le­ben an­ge­strebt wor­den sein muß, da an­sons­ten ein sol­ches Er­schei­nen nicht mög­lich wäre. Mit an­de­ren Wor­ten, wenn Was­ser blau ist, ist auch blauer Farb­stoff hin­zu­ge­fügt worden.

Der Er­wachte zeigt hier je­weils die Be­stre­bun­gen der un­ter­schied­li­chen We­sen im Hin­blick auf das Ver­mei­nen, darin Wohl und Be­frie­di­gung zu fin­den auf. Er be­schreibt eine Grund­struk­tur die­ser Be­stre­bun­gen, die „We­sen­haf­tig­keit“ ent­spre­chen­der Ten­den­zen, die zum je­wei­li­gen Er­schei­nen füh­ren, ob nun mehr oder we­ni­ger stark aus­ge­prägt. Auch zeigt er auf, wo­hin diese Be­stre­bun­gen je­weils füh­ren und daß keine, bis auf die des As­ke­ten zur Be­frei­ung führt, son­dern im­mer nur zum je­weils angestrebten Ziel.

So wer­den die Haus­leute bei­spiels­weise nie­mals wirk­lich das Ziel „voll­brach­ter Ar­beit“ er­rei­chen kön­nen, denn wir kön­nen ja aus ei­ge­nem Er­le­ben und Be­ob­ach­ten nach­voll­zie­hen, daß diese, auch wenn ge­wisse Etap­pen­ziele er­reicht wer­den, nie­mals auf­hört. Selbst wenn wir dann alt ge­wor­den sind und viel­leicht nicht mehr un­ser Brot ver­die­nen müs­sen, sind wir doch im­mer noch mit al­ler­lei täg­li­chen Ver­rich­tun­gen be­schäf­tigt, sei es nur den die­sen Kör­per zu er­hal­ten, bis wir die­sen ver­las­sen. Und wenn kein hö­he­res Ziel wurde, mag es sein, daß die ganze Pro­zes­sion von vorn los geht und wir wie­der mei­nen, ir­gend­wann fer­tig zu werden.

Auch die Brah­ma­nen, wenn sie nicht durch den Er­wach­ten be­lehrt sind, fin­den sich zwar, wenn die Übung ge­lingt, in ei­nem wirk­lich ho­hen und von Wohl be­stimm­ten Be­reich vor, je­doch eben nur so­lange, wie die Be­din­gun­gen aus frü­he­rem Wir­ken bestehen.

Es geht hier nicht darum, ob ei­ner ge­fühls­be­ton­ter ist oder we­ni­ger ge­fühls­be­tont, und die­ses gar als et­was Ne­ga­ti­ves zu be­trach­ten, so heißt es doch in AIII.62 „Mit Hin­sicht auf den Füh­len­den aber lehre ich, was Lei­den ist, was die Ent­ste­hung des Lei­dens ist, was die Er­lö­schung des Lei­dens ist und was der Pfad ist, der zur Er­lö­schung des Leidens führt.“

Viel­mehr geht es um die wirk­lich­keits­ge­mäße Be­trach­tung der mit Ge­fühl ver­bun­de­nen Be­wer­tun­gen, denn auf diese Weise näh­ren wir ja un­sere Ten­den­zen, be­ein­flus­sen un­ser Weiterwerden.

Die Un­ter­schei­dung bzw. Be­wer­tung kann hier also folg­lich nur auf heil­sam oder un­heil­sam ge­rich­tet sein, auf zur Über­win­dung und Ab­lö­sung taug­lich oder un­taug­lich. Auch ist es da­bei sehr hilf­reich, die da­mit ver­bun­de­nen Ge­fühle zu betrachten.

In wel­cher Aus­prä­gung die „Fär­bung“ der ei­nes We­sens nun vor­han­den ist, ist da­mit nicht ausgesagt.

So mag es auch sein, daß ein weib­li­ches We­sen, wie hier in un­se­rem Bei­spiel aus den Lehr­re­den er­kennt, daß die Aus­sa­gen über das „Weib­li­che“,  je­nes, was eben zum Er­schei­nen in weib­li­cher Ge­stalt ge­führt hat, et­was zu Über­win­den­des dar­stellt, weil es eben Iden­ti­fi­ka­tion ist und Iden­ti­fi­ka­tion Ver­fes­ti­gung be­deu­tet und nicht Ablösung.

Wenn der weib­li­che Sinn auf den Mann ge­rich­tet ist, auf Schmuck, Kin­der als Stütze und auf das Herr­schen über die Fa­mi­lie, dann könnte man fälsch­li­cher Weise ver­all­ge­mei­nern, daß dies al­les nur un­heil­same Eigenschaften sein.

Eine Frau, die ihre Fa­mi­lie oder wie es zur Zeit des Er­wach­ten oft üblich war, den gan­zen Haus­stand mit den Be­diens­te­ten und al­lem, was da­zu­ge­hört gut ma­nagt, und sich auch noch in den Tu­gen­den übt, wird vom Er­wach­ten lo­bend erwähnt.

Al­ler­dings birgt die­ses Stre­ben auch Nah­rung für un­heil­sa­mes Ver­hal­ten, wenn die taug­li­chen dinge nicht ge­kannt sind oder be­ach­tet wer­den. Dann kann es leicht zu Neid, Ei­fer­sucht, Herrsch­sucht, Geiz und so­gar zu Ge­walt füh­ren und und Glück und Wohl schwin­den sehr schnell.

Im Men­schen­tum ist ja der größte Teil der Wohl­su­che auf äuße­res Wohl ge­rich­tet, sei es die Be­frie­di­gung der Sinne durch al­ler­lei Ein­drü­cke und sinn­li­che Ge­nüsse oder der Wunsch an­er­kannt zu wer­den und vor al­lem ge­liebt zu wer­den von ei­nem Ge­gen­über, von dem man sich in sei­ner in­ne­ren und äuße­ren Struk­tur je­doch un­ter­schei­det. Wir su­chen die Ver­voll­stän­di­gung in Form von Ver­schmel­zung, wel­che ih­ren höchs­ten Aus­druck in der Se­xua­li­tät fin­det und im glei­chen Maße für Mann und Frau gilt.

In die­sem Sinn be­fin­den wir uns wie­derum in ei­nem Man­gel, sind auf diese Art Er­fah­run­gen im Au­ßen angewiesen.

A VII. 48

Die Lehre von der Ver­bin­dung und Lö­sung will ich euch wei­sen, ihr Mönche.

Das Weib, ihr Mön­che, hat bei sich den Sinn auf Weib­lich­keit ge­rich­tet, auf weib­li­che Be­schäf­ti­gung, weib­li­ches Be­neh­men, weib­li­che Ei­tel­keit, weib­li­che Nei­gun­gen weib­li­che Stimme und weib­li­chen Schmuck. Daran Ge­nuß und Ge­fal­len fin­dend rich­tet sie nach au­ßen hin den Sinn auf Männ­lich­keit, auf männ­li­che Be­schäf­ti­gung, männ­li­ches Be­neh­men, männ­li­che Ei­tel­keit, männ­li­che Nei­gun­gen, männ­li­che Stimme und männ­li­chen Schmuck. Daran aber Ge­nuß und Ge­fal­len fin­dend, sucht sie nach au­ßen hin Ver­bin­dung. Und was da in­folge der Ver­bin­dung an Freude und Fröh­lich­keit ent­steht, auch das sucht sie. Die an ih­rer Weib­lich­keit ent­zück­ten We­sen, ihr Mön­che, sind an die Män­ner ge­fes­selt. Auf diese Weise kommt das Weib über ihre Weib­lich­keit nicht hinweg.

Der Mann, ihr Mön­che, hat bei sich den Sinn auf Männ­lich­keit ge­rich­tet, auf männ­li­che Be­schäf­ti­gung, männ­li­ches Be­neh­men, männ­li­che Ei­tel­keit, männ­li­che Nei­gun­gen, männ­li­che Stimme und männ­li­chen Schmuck. Daran Ge­nuß und Ge­fal­len fin­dend, rich­tet er nach au­ßen den Sinn auf Weib­lich­keit, auf weib­li­che Be­schäf­ti­gung, weib­li­ches Be­neh­men, weib­li­che Ei­tel­keit, weib­li­che Nei­gun­gen, weib­li­che Stimme und weib­li­chen Schmuck. Daran aber Ge­nuß und Ge­fal­len fin­dend, sucht er nach au­ßen hin Ver­bin­dung. Und was da in­folge der Ver­bin­dung an Freude und Fröh­lich­keit ent­steht, auch das sucht er. Die an ih­rer Männ­lich­keit ent­zück­ten We­sen, ihr Mön­che, sind an die Wei­ber ge­fes­selt. Auf diese Weise kommt der Mann nicht über seine Männ­lich­keit hinweg.

So, ihr Mön­che, kommt es zur Verbindung.

Da­her ver­su­chen wir na­tür­lich al­les Er­denk­li­che zu tun, an die­sem Wohl fest­zu­hal­ten es gar aus­zu­deh­nen, und wenn nö­tig, zu ver­tei­di­gen, wie der Ad­lige sei­nen Stand, sein Ge­biet durch das Heer, der Brah­mane in Hin­sicht auf Weis­heit und Op­fer­ga­ben, die Haus­leute durch Ge­schäf­tig­keit zur Meh­rung ma­te­ri­el­ler Dinge etc. Je­des an­ge­strebte Wohl ist mit dem ent­spre­chen­den Lei­den ver­bun­den, wie es in der ers­ten Wahr­heit vom Lei­den heißt: Was aber, ihr Jün­ger, ist die edle Wahr­heit vom Leiden?

Ge­burt ist Lei­den, Al­tern ist Lei­den (Krank­heit ist Lei­den), Ster­ben ist Lei­den, Sorge, Jam­mer, Schmerz, Trüb­sal und Ver­zweif­lung sind Lei­den; mit Un­lie­bem ver­eint sein, ist Lei­den; von Lie­bem ge­trennt sein, ist Lei­den; nicht er­lan­gen, was man be­gehrt, ist Lei­den; kurz ge­sagt, die fünf Anhaftungs-​​​​Gruppen sind Leiden.

Was aber ist die Lö­sung aus die­ser nicht zur dau­er­haf­ten Be­frei­ung aus dem Man­gel füh­ren­den Bindung?

Da, ihr Mön­che, hat das Weib bei sich den Sinn nicht auf Weib­lich­keit ge­rich­tet, nicht auf weib­li­che Be­schäf­ti­gung, weib­li­ches Be­neh­men, weib­li­che Ei­tel­keit, weib­li­che Nei­gun­gen, weib­li­che Stimme und weib­li­chen Schmuck. Daran kei­nen Ge­nuß und Ge­fal­len fin­dend, rich­tet es nach au­ßen hin sei­nen Sinn nicht auf Männ­lich­keit, auf männ­li­che Be­schäf­ti­gung, männ­li­ches Be­neh­men, männ­li­che Ei­tel­keit, männ­li­che Nei­gun­gen, männ­li­che Stimme und männ­li­chen Schmuck. Daran kei­nen Ge­nuß und Ge­fal­len fin­dend, sucht es nach au­ßen hin keine Ver­bin­dung. Und was da in­folge der Ver­bin­dung an Freude und Fröh­lich­keit ent­steht, auch das sucht es nicht. Die an ih­rer Weib­lich­keit nicht ent­zück­ten We­sen ha­ben sich von den Män­nern ge­löst. Auf diese Weise, ihr Mön­che, kommt das Weib über seine Weib­lich­keit hinweg.

Da, ihr Mön­che, hat der Mann bei sich den Sinn nicht auf Männ­lich­keit ge­rich­tet, nicht auf männ­li­che Be­schäf­ti­gung, männ­li­ches Be­neh­men, männ­li­che Ei­tel­keit, männ­li­che Nei­gun­gen, männ­li­che Stimme und männ­li­chen Schmuck. Daran kei­nen Ge­nuß und Ge­fal­len fin­dend, rich­tet er nach au­ßen hin sei­nen Sinn nicht auf Weib­lich­keit, auf weib­li­che Be­schäf­ti­gung, weib­li­ches Be­neh­men, weib­li­che Ei­tel­keit, weib­li­che Nei­gun­gen, weib­li­che Stimme und weib­li­chen Schmuck. Daran kei­nen Ge­nuß und Ge­fal­len fin­dend, sucht er nach au­ßen hin keine Ver­bin­dung. Und was da in­folge der Ver­bin­dung an Freude und Fröh­lich­keit ent­steht, auch das sucht er nicht. Die an ih­rer Männ­lich­keit nicht ent­zück­ten We­sen ha­ben sich von den Wei­bern ge­löst. Auf diese Weise, ihr Mön­che, kommt der Mann über seine Männ­lich­keit hinweg.

So, ihr Mön­che, kommt es zur Lösung.

Das, ihr Mön­che, ist die Lehre von der Ver­bin­dung und Lösung.

So­lange wir je­doch kein hö­he­res Wohl er­le­ben, kann es sehr schwie­rig sein, sich vom Ge­wohn­ten ab­zu­lö­sen und wir kön­nen nicht er­war­ten, daß wir, ohne den Weg der Übung ge­gan­gen zu sein, so­fort am Ziel sind und die Dinge ein­fach las­sen kön­nen, wie es auch aus Ud.VIII.8. her­vor­geht, wo ein Ge­spräch zwi­schen Visākhā und dem Er­wach­ten statt­fin­det, die ihn in ih­rem Schmerz auf­suchte, weil eine ihr sehr liebe En­ke­lin ge­stor­ben war. Ob­gleich Visākhā be­reits strom­ein­ge­tre­ten war, war der Wunsch nach Mut­ter­schaft noch so stark, daß sie so­viele Kin­der ha­ben wollte, wie die Stadt Sāvat­thí Ein­woh­ner hat. Dar­auf­hin führte der Er­wachte ihr die er­nüch­tern­den Tat­sa­chen der Ge­setz­mä­ßig­keit vor Au­gen, daß wer Vor­liebe für Hun­dert hat, auch hun­dert Lei­den er­fährt und so weiter.

Visākhā starb im Al­ter von 120 Jah­ren und galt als jene, die die längste Zeit als Strom­ein­ge­tre­tene im Men­schen­tum ge­lebt hatte. Nach dem ab­le­gen des Fleisch­lei­bes er­schien sie bei den Schaf­fens­freu­di­gen Göttern.

Es gilt für uns hier also erst ein­mal den „Ist­zu­stand“ zu se­hen und zu ak­zep­tie­ren um dann Schritt­weise durch wirk­lich­keits­ge­mäße Be­trach­tung der Ge­fühle, Be­wer­tun­gen und Er­fah­run­gen zu all­mäh­li­cher Ab­lö­sung zu kom­men. Es wäre auch der fal­sche Weg, sich in Ge­gen­wen­dung zu er­ge­hen, ge­gen die Nei­gun­gen und Triebe, die man so bei sich vor­fin­det und zu ver­su­chen, diese mit Ge­walt­sam­keit zu un­ter­drü­cken. Es wäre so, als würde man eine Fe­der zu­sam­men­drü­cken, wel­che, wenn sie wie­der los­ge­las­sen wird, ei­nem entgegenspringt.

Viel hilf­rei­cher ist es, sich den Ur­sprung der Be­dürf­tig­keit vor Au­gen zu füh­ren, die Un­be­stän­dig­keit der Be­frie­di­gung darin und eine Vor­stel­lung zu ge­win­nen, wie es sein mag, wenn sol­che Be­dürf­nisse gar nicht vor­han­den wä­ren, man frei da­von wäre. Eine sol­che Art der nüch­ter­nen und wei­sen Be­trach­tung kann, in­so­fern sie denn im­mer wie­der ge­übt wird, durch­aus erst zu fei­ne­rem Wohl füh­ren und so­mit dann zur Ab­lö­sung führen.

M. 56. (VI,6)

Da hat denn der Er­ha­bene Upali den Haus­va­ter all­mäh­lich in das Ge­spräch ein­ge­führt, sprach erst mit ihm vom Ge­ben, von der Tu­gend, von se­li­ger Welt, machte des Be­geh­rens Elend, Un­ge­mach, Trüb­sal, und der Ent­sa­gung Vor­züg­lich­keit of­fen­bar. Als der Er­ha­bene merkte, daß Upali der Haus­va­ter im Her­zen be­reit­sam, ge­schmei­dig, un­be­hin­dert, auf­ge­rich­tet, hei­ter ge­wor­den war, da gab er die Dar­le­gung je­ner Lehre, die den Er­wach­ten ei­gen­tüm­lich ist: das Lei­den, die Ent­wick­lung, die Auf­lö­sung, den Weg.

Die For­mu­lie­rung „Der war der weib­li­che Sinn wi­der­wär­tig ge­wor­den“ klingt hier zwar nach Ge­gen­wen­dung, was je­doch eher an der pla­ka­ti­ven Art der Spra­che liegen mag.

Viel­mehr kann man es wie das Ge­fühl ver­ste­hen, wel­ches je­man­dem, der kei­nen Al­ko­hol mehr trinkt oder das Rau­chen auf­ge­ge­ben hat ent­ste­hen mag, bei der Vor­stel­lung, darin wie­der Be­frie­di­gung fin­den zu sol­len. Er kann da­hin ein­fach nicht mehr zu­rück­keh­ren, weil er sich da­von ab­ge­wen­det hat und da­durch darin kei­ner­lei Reiz mehr für ihn be­steht. Das hö­here, fei­nere Wohl ist in die­sem Fall Frei­heit und Nicht­ab­hän­gig­keit und nicht die stän­dige Be­frie­di­gung des Triebes.

Wenn ei­ner sich in ei­ner sol­chen Weise ge­übt hat und da­durch wirk­li­che Un­ab­hän­gig­keit er­fährt, wird er sich auch üben, jene nicht mit Ge­gen­wen­dung zu be­trach­ten, die noch nicht so­weit fort­ge­schrit­ten und noch auf der­ar­ti­ges Wohl angewiesen sind.

In die­sem Sinne kön­nen wir es auch üben, uns nicht mit­ein­an­der zu ver­glei­chen und nicht als über­le­gen oder un­ter­le­gen zu be­trach­ten, son­dern je­der für sich das Best­mög­li­che her­vor­brin­gend, den an­de­ren in sei­nen heil­sa­men Fä­hig­kei­ten zu er­mun­tern und sie uns als Vor­bild zu neh­men, so, wie wir an­de­ren eben­falls Vor­bild sein werden.

Wir kön­nen uns, ganz gleich ob Mann oder Frau, als Glei­che be­trach­ten, näm­lich sol­che, die den Heils­weg des Er­wach­ten als den Weg zur Über­win­dung al­ler Bin­dung an die Leid­haf­tig­keit er­kannt und die Übung auf sich ge­nom­men ha­ben, ein je­der, so gut er eben kann und nach sei­nen Bedingungen.

Wei­ter­füh­rende Lek­türe zum Thema Frauen in der Lehr­nach­folge: Das Frau­en­bild zur Zeit des Buddha

Lie­ben Gruß,

Karuna

 

Zum Journal: hier

Die erste Fes­sel oder Was hat Kant nicht erkannt?

In den meis­ten Fäl­len wird sakkāya-​​​​ditthi mit dem Be­griff Per­sön­lich­keits­glaube über­setzt, was durch­aus zu­tref­fend, je­doch in man­cher Hin­sicht nicht ausreichend ist.

Hilf­reich ist hierzu die Über­set­zung „Glaube an Seins­dar­stel­lung“, das be­deu­tet, das „Für-​​​​Wahr-​​​​Nehmen“ ei­ner Welt oder ei­nes Seins „an sich“.

Alle Phä­no­mene, Zeit, Raum, Rau­mu­n­end­lich­keit, Form, Form­lo­sig­keit, die drei Ge­fühle, alle sinn­li­chen Wahr­neh­mun­gen sind darin ein­ge­schlos­sen. Ver­glei­che hierzu M I, S 35

So spie­gelt sich diese Ansicht, der In­halt der 1. Fes­sel, in den Wor­ten Kants wie­der, wel­cher zwar schon die Ab­hän­gig­keit der Wahr­neh­mung von Er­schei­nung vom Sub­jekt er­kannte, je­doch am Ver­mei­nen ei­ner Exis­tenz ei­nes ob­jek­ti­ven „Din­ges an sich“ fest­hielt, wel­ches nur nicht erkennbar sei.

»Ich da­ge­gen sage: es sind uns Dinge als au­ßer uns be­find­li­che Ge­gen­stände un­se­rer Sinne ge­ge­ben, al­lein von dem, was sie an sich selbst sein mö­gen, wis­sen wir nichts, son­dern ken­nen nur ihre Er­schei­nun­gen, d. i. die Vor­stel­lun­gen, die sie in uns wir­ken, in­dem sie un­sere Sinne af­fi­zie­ren. Dem­nach ge­stehe ich al­ler­dings, daß es au­ßer uns Kör­per gebe, d. i. Dinge, die, ob­zwar nach dem, was sie an sich selbst sein mö­gen, uns gänz­lich un­be­kannt, wir durch die Vor­stel­lun­gen ken­nen, wel­che ihr Ein­fluß auf unsre Sinn­lich­keit uns ver­schafft, und de­nen wir die Be­nen­nung ei­nes Kör­pers ge­ben, wel­ches Wort also bloß die Er­schei­nung je­nes uns un­be­kann­ten, aber nichts­des­to­we­ni­ger wirk­li­chen Ge­gen­stan­des be­deu­tet. Kann man die­ses wohl Idea­lis­mus nen­nen? Es ist ja ge­rade das Gegenteil davon.«

Dazu Fritz Schä­fer in ei­nem Aufsatz:

Hier völ­lige Klar­heit zu ge­win­nen, ist heils­ent­schei­dend. Der Er­wachte hat dar­über eine ein­deu­tige Aus­kunft ge­ge­ben: Auf die Frage, wor­auf, seine Lehre hin­ausläuft, hat er in al­ler Kür­ze ge­antwortet: dass alle fünf Zu­sam­men­häu­fun­gen (also nicht nur Form, son­dern auch Ge­fühl, Wahr­neh­mung, Ge­stal­tun­gen und Be­wusst­seins­ablauf) un­be­stän­dig und  da­her oh­ne Selbst sind, also nicht „an sich, psychenunabhängig.-objektiv“, son­dern ab­hän­gig von Be­­din­gun­gen, näm­lich den drei Grund­ei­gen­schaf­ten al­ler Un­er­lös­ten: Be­geh­ren, Ab­wehr und Ver­blen­dung (râga/​​ dosa/​​moha), die wie­derum be­dingt sind durch das Un­wis­sen (avi­jjâ) über de­ren Ent­wick­lung, die Mög­lich­keit ih­rer Auf­lö­sung und den Weg dazu. (M 35).

Die Pro­ble­ma­tik des Be­grif­fes Per­sön­lich­keits­glaube be­steht zu­meist darin, daß man auf­hö­ren könne, an ein „Ich“ zu glau­ben, nicht am Ich an­zu­haf­ten, das Ich auf­lö­sen zu müssen.

Die­ses kann in eine geis­tige Sack­gasse füh­ren, denn, selbst wenn er­kannt wor­den ist, das „dies nicht mein, nicht ich, nicht mein Selbst“ ist, hört Ich-​​​​Erleben ja da­durch nicht auf. Eben­so­we­nig kann es ein­fach „weg­ge­dacht“ werden.

Hell­muth He­cker sagt: „Es geht nicht darum, das Ich auf­zu­lö­sen, son­dern die Ur­sa­chen für das Ich-​​​​Erleben.“

oder wie es der Ehr­wür­dige Thi­tad­hammo im Fo­rum ein­mal aus­ge­drückt hat:

„An­sons­ten ist näm­lich wirk­li­che und schritt­weise Pra­xis, durch die sich die höchste Wahr­heit ei­nem lang­sam er­schließt, nicht möglich.

In­nen, Au­ßen, mein, dein, mein In­nen, mein Au­ßen, dein In­nen, dein Au­ßen, un­ser In­nen, un­ser Au­ßen — diese Sicht­win­kel ge­hö­ren alle zu ei­nem Re­per­toire des schritt­weise Er­kun­dens der Khandhas und zu ei­ner Wei­tung des Dhamma-​​​​Horizontes.„

Karuna

 

Quelle: Dhamma-​​Vinaya Journal

 

Dhamma-​​Vinaya Journal

Neu

.

.

.

.

Das Dhamma-​​Vinaya Journal Vers.1.0 ist da!

Herzlich willkommen zu unserer neuen Plattform für den Austausch über alles, was der Buddha gelehrt hat.

Wir werden dieses buddhistische Online Journal Schritt für Schritt weiter ausgestalten und verbessern.


Dhamma-​​Vinaya Journal

Artikel, Beiträge und Leserbriefe über Buddhistisches Leben und Lernen in Deutschland.


www.dhamma-vinaya.de